Geschichtliches



Schon im 14. Jahrhundert lasen die Menschen von einfachen Uhren mit Balkenwaag die Zeit ab. Für den nicht wohlhabenden Bürger waren die zunächst aus Eisen hergestellten Uhren, aber auch die ersten Uhren aus Holz mit Schnitzereien und Figurenspielen unerschwinglich. Erst mit der zunehmenden Verbreitung des Holzuhrenbaus vor ca. 400 Jahren in ganz Mitteleuropa änderte sich dies. Die Holzuhrenmacher dieser Zeit waren keine gelernten, zünftigen Uhrmacher, sondern Handwerker aus dem Holzhandwerk wie Drechsler, Schreiner, Zimmerleute oder Instrumentenbauer. Als geschickte Autodidakten und mit viel Erfahrung im Umgang mit Holz stellten sie Holzuhren her, die deutlich preiswerter waren als solche aus Eisen. Damit konnten sich auch Bürger aus den einfachen Schichten den Luxus einer Uhr leisten.

Das einfache Räderwerk ist von beiden Seiten einsehbar. Der Antrieb erfolgt durch einen Stein. Der Gang der Uhr wird mit den Gewichten an der Balkenwaag reguliert (außen langsamer, innen schneller). Eine solche Uhr veranschaulicht auf eindrucksvolle Weise, wie die Zeit schon vor Hunderten von Jahren mit einfachsten Mitteln angezeigt wurde.

Die Uhr geht natürlich nicht so genau wie heutige moderne Uhren. Die Abweichung beträgt je nach Justierung wenige Minuten pro Tag. Mehr Genauigkeit war damals auch nicht erforderlich. Die Uhr wurde morgens und abends aufgezogen und nach der Turmuhr neu gestellt.

Das gleichmäßige Ticken der Uhr verbreitet eine angenehme, beruhigende Atmosphäre, die es ermöglicht, sich ein Stück von der Unruhe und Hektik unserer "modernen" Zeit zu lösen und vielleicht auch ein wenig in frühere Zeiten zurückzuversetzen.

Aufbau und Funktion



Dies ist ein moderner Nachbau einer solchen Uhr aus Kirschholz. Sie hat nur einen  Stundenzeiger. Treibende Kraft ist ein Stein von ca. 2 kg, der über das Seil das Sperrrad antreibt. Damit das Seil nicht über das gerippte Sperrrad rutscht, hängt an seinem anderen Ende als Gegengewicht ein kleiner Stein von ca. 150 bis 200 g. Das Seil läuft über zwei Umlenkrollen, wodurch sich die Gangzeit der Uhr verlängert.

Die Uhr wird durch Hochziehen des Steingewichts aufgezogen. Dabei dreht sich das Sperrrad unter der Sperrklinke, die durch den Druck einer Stahlfeder klickend über die Zähne des Sperrrads springt. Nach dem Aufziehen verkeilt sich die Sperrklinke, die am großen Zahnrad, dem Bodenrad befestigt ist, in einem der Zähne des Sperrrads, das auf diese Wiese die Zugkraft des Seils auf das Bodenrad überträgt. Dieses treibt über einen kleinen Triebstock das Zwischenrad an, das - auch über einen Triebstock - das Steigrad bewegt. Zwei kleine Bleche an der Spindel, die so genannten Lappen, greifen in die Stifte des Steigrades und verhindern, dass das Werk innerhalb weniger Sekunden durch die Zugkraft des Steins abläuft. Die Drehkraft des Steigrades bringt dabei die Spindel zusammen mit der Balkenwaage zum Schwingen. Am Ende jeder Schwingung gibt eines der beiden Bleche einen Stift frei, sodass das Steigrad um einen bestimmten Schritt weiter rücken kann. Dies ist das Prinzip der so genannten Spindelhemmung.

Die Übersetzung erfolgt dabei vom Langsamen zum Schnellen. Während das Bodenrad im Verlauf einer Stunde eine volle Umdrehung macht, schwingt die Balkenwaag 3172 mal, die Uhr tickt damit rund 53 mal je Minute. Dabei wird die Bewegung des Bodenrades über einen kleinen Trieb an seiner Achse im Verhältnis 1:12 auf das Zeigerrad übertragen, das sich mit dem Zeiger folglich in der gleichen Zeit um ein Zwölftel einer vollen Umdrehung, also eine Stunde auf dem Zifferblatt, weiterbewegt.

Das Prinzip einer solchen Uhr ist so einfach wie genial und auch in unserer heutigen modernen Zeit immer noch faszinierend. Die Funktion der Balkenwaag übernimmt in moderneren Uhren lediglich das Pendel oder die Unruhe.

In dieser Bauart gibt es je eine weitere Uhr in Buchen-, Birken-, Birnen- und Eichenholz. Jede dieser Uhren hat ihre eigene Ausstrahlung.

Meine erste nachgebaute Uhr nach dem Vorbild einer Holzräder-Waaguhr aus dem 17. Jahrhundert geht inzwischen seit 3 Jahren ohne Ausfälle.

Fertigung



Sämtliche Teile der Uhr wurden mit großer Sorgfalt hergestellt. Alle Rahmenteile sind fein geschliffen, gewachst und poliert. Die Enden der Rahmenteile sind geschwungen gefräst.

Damit sich die Räder (Bodenrad, Zwischenrad, Steigrad, Zeigerrad) nicht verziehen, sind sie aus Leimholz gefertigt. Dazu werden Leisten mit einem Leimholzfräser gefräst und zueinander passend in Leimpressen verleimt. Zusätzlich werden die Radrohlinge nach dem Ausschneiden und Überdrehen - wie schon vor Jahrhunderten - mehrere Stunden in einem heißen Leinölbad imprägniert. Danach lagern die Rohlinge ein paar Wochen, bis das Leinöl ausgehärtet ist.

Nach dem nochmaligen Überdrehen der Rohlinge werden die Zahnräder mit einem Zahnformfräser gefräst. Das Herausarbeiten der Speichen mit einem feinen Schaftfräser lässt die Räder nicht nur gefälliger aussehen, sondern macht sie auch leichter und das Werk damit leichtgängiger.

Die Achsen der beiden oberen Räder sind in Messingbuchsen gelagert, die Achse des Bodenrades, die die Last der Steine trägt, in kleinen Kugellagern. Die Innenflächen der Buchsen sind mit Ahlen gerieben und geglättet, die Zapfen der Achsen sind fein poliert. Damit das Räderwerk leichtgängig läuft, werden vor dem Einbau der Lagerbuchsen in den Rahmen die Abstände der Achsen zueinander in einer speziellen Vorrichtung, mit der das Spiel der Räder genau justiert werden kann, exakt bestimmt.

Die Zifferblätter werden auf einer Haltevorrichtung mit eigens gefertigten Schablonen per Hand beschriftet.

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